
Egal, ob ParteipolitikerInnen, Funktionäre von Wirtschaftsverbänden, SozialwissenschaftlerInnen
oder JournalistInnen: Unter dem Eindruck leerer öffentlicher Kassen und steigender Ausgaben
für die sozialen Sicherungssysteme ist die ,,Krise der Sozialstaates'' in aller Munde. Was
aber wird unter dieser Krise genau verstanden? In der Regel geht es um zwei zentrale
Behauptungen, die die Debatte um die zukünftige Entwicklung des Sozialstaates dominieren:
Zum einen werden die in den letzten Jahren gestiegenen Ausgaben für seinen Finanzierung
als zu hoch befunden. Zum anderen wird darüber räsoniert, ob die sozialpolitische Absicherung
durch der Sozialstaat nicht zu einem allgemeinen Mangel an Flexibilität bei den Menschen auf
dem Arbeitsmarkt führen würde bzw. geführt hat. Die Stoßrichtung dieser Debatte ist
offenkundig: Angesichts von struktureller Massenerwerbslosigkeit und verschärfter Kosten- und
Standortkonkurrenz läuft sie in der praktischen Tagespolitik unter dem Schlagwort
,,Eigenverantwortung'' unmittelbar auf einen materiellen Abbau und einen autoritären Umbau
sozialstaatlicher Sicherungssysteme hinaus.
Dagegen stellt sich die Krise des derzeitigen Sozialstaates aus sozialistischer Perspektive
vor allem als seine Unfähigkeit zur Absicherung der vielfältigsten sozialen Risiken und
Problemlagen in der heutigen Gesellschaft dar. Die daraus resultierenden Folgen sind soziale
Armut, Abhängigkeit und Ausgrenzung von immer mehr alten und jungen Menschen, und zwar mit
und ohne Lohnarbeit. Hauptursache für diese Krise des Sozialstaates ist die anhaltende
Massenerwerbslosigkeit infolge der durch permanente Rationalisierungs- und Automatisierungsschübe
bewirkten, massenhaften Freisetzung von Arbeitskräften, bzw. ihre teilweise Verdrängung in
ungeschützte oder/und niedrig entlohnte Beschäftigungsverhältnisse, Scheinselbst-ständigkeiten
o.ä. Diese strukturellen Veränderungen innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise entziehen
den lohnarbeitsbezogenen Sozialversicherungssys-temen zunehmend ihre Einnahmequellen und belasten
sie gleichzeitig mit gestiegenen Gesamtausgaben. Daß in den aktuellen Debatten sogar die
demographischen und soziokulturellen Entwicklungen in der
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Bevölkerung als Vorwand für die Demontage des Sozialstaates herhalten können, bestätigt
den Eindruck, daß die strukturellen Veränderungen innerhalb der kapitalistischen
Produktionsweise und der in ihr stattfindenden (Mehr-)Wertschöpfung nicht einfach nur
bewußt ignoriert, sondern deren Auswirkungen sogar zum politischen Programm gemacht werden
sollen. Konkret geht es dabei um die einseitige Verlagerung der sozialpolitischen
Finanzierungslasten auf die Erwerbstätigen und die dadurch erzwungene Absenkung der
Leistungsniveaus (und Löhne) im angebotspolitischen Sinne des Kapitals.
Entgegen des landläufig verbreiteten Zynismus, wonach der, der nicht arbeitet, auch
nicht essen soll, wollen wir mit der Idee einer bedarfsdeckenden Sozialen Grundsicherung
einen politischen Lösungsansatz für die Krise des Sozialstaates aufgreifen und diskutieren,
deren individueller Bezug nicht an eine Erwerbsarbeit gekoppelt ist. Bevor wir auf die
Grundsicherungsidee selber eingehen, gibt Gregor Mohlberg seine persönlichen Eindrücke über
die derzeitige Bedeutung sozialpolitischer Diskurse über und unter Jugendlichen wieder.
Da bei der Diskussion um die Notwendigkeit einer Reform des bestehenden Sozialstaates die
geschlechtsspezifische Perspektive häufig nur nachrangig behandelt wird oder vollkommen
ausgeblendet bleibt, widmen wir den Bedingungen, unter denen eine Soziale Grundsicherung
geschlechtsspezifische Armutsursachen und materielle Abhängigkeitsverhältnisse zurückdrängen könnte,
einen eigenen Artikel. Daran anschließend stellt Michael Lindner für die Bundeskommission
Programmatik von ['solid] thesenhaft mögliche Eckpunkte für eine Soziale Grundsicherung vor
und geht dabei auch auf wichtige Fragen der steuer- und arbeitsmarktpolitischen Begleitmaßnahmen,
sowie der gesellschaftspolitischen Voraussetzungen und Folgen ein.
Abgeschlossen wird der thematische Ausgabenschwerpunkt mit einem Interview, in dem wir der
stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der PDS im Deutschen Bundestag in Sachen Soziale
Grundsicherung auf den Zahn fühlen werden.
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